Gedanken über die Lukaskirche in Hamburg-Sasel

Die Gestaltung von Bildern mit farbigem Glas schien eine verlorengegangene zu sein. Die Glasmanufakturen beschränkten sich jahrzehntelang darauf, vorhandene Glasfenster, soweit sie durch äußere Einflüsse beschädigt wurden, zu restaurieren. Erst in unserem Jahrhundert besannen sich bildende Künstler auf diese alte, faszinierende Technik, weil in den Wirren der Kriegszeiten auch so manche der Kirchen zerstört wurden und mit ihnen etliche Meisterwerke der Kirchlichen Glaskunst. Architekten konzipierten aus dem veränderten Lebensgefühl unserer Zeit heraus Bauwerke mit Materialien, die es in früheren Epochen noch nicht gab. Beton ersetzte nicht nur den Mauerstein, mit ihm ließen sich vorher nicht geahnte Konstruktionen verwirk­lichen. Verständlich, daß sich auch die Art der Glasfensterge­staltung anderen Gesetzen unterworfen fühlte. Die Architektin der Lukaskirche fand eine glückliche Symbiose zwischen diesem Material unseres Jahrhunderts und dem nicht ersetzbaren aus der Natur, dem Holz. Entwickelte der geniale Eiffel mit seinen unvergleichlichen Eisenkonstruktionen eine Leichtigkeit, die man diesem schweren Material nicht zutraute, so lassen sich mit den unterschiedlichsten Hölzern eher raumbedeckende Wirkungen erzielen. Der Gedanke, der Kirche eine Zeltform zu geben, die uns die Vorläufigkeit unseres Wirkens in dieser Welt vor Augen führt, ist nicht neu, doch die Wiederholung dieser Idee gibt ihm in dieser seriellen Anordnung etwas aufregend Fließendes, Lebendiges. Dieser Formenfluß wird noch wesentlich verstärkt durch die die Strukturen auffangenden, rhombusartig gestalteten Fensterflächen. Sie lassen die Faltungen der gelungenen Dachkonstruktion trotz der gewaltigen Holzmassen leicht, fast spielerisch erscheinen. Fenster sind gemeinhin Öffnungen, die Licht in sonst dunkle Räume bringen sollen. Hier aber werden sie zu Einblicken. Sie sind nun keine Löcher mehr sondern farbig gestaltete Wandflächen mit transzendenter Wirkung. Erzielten die Künstler vergangener Jahrhunderte die Unterschied­lichsten Wirkunken ihrer Glasfenster mit der altbewährten Me­thode der Teilung des Glases in große und kleine Stücke, die ihre Begrenzung fanden in der technischen Herstellbarkeit des Glases, die eine bestimmte Größe und Dicke nicht überschreiten konnte, so ergaben sich durch neue Entwicklungen andere Voraus­setzungen. Erstmals gelang es, dicke Gläser zu gießen, deren farbige Intensität einst in den großen französischen Kathe­dralen nur durch Übereinanderlegen mehrerer gleichfarbigen Scheiben erreicht werden konnte. Jedoch, zur Fassung dieser etwa 2,5 cm. dicken Glasstücke waren nun die üblichen Bleistege nicht mehr geeignet. Dafür bot sich der Beton an. Das hatte zudem noch den Vorteil einer großen Einheit zwischen dem Bauwerk und den Fenstern. Der Nachteil, auf den relativ kleinen Glas­stücken nun nicht mehr mit Schwarzlot malen zu können, weil die große Wirkung dadurch verniedlicht würde, wurde wettgemacht durch die enorme Leuchtkraft der neuen Gläser. Man malte nicht mehr auf den Gläsern sondern mit ihnen. Die Fensterrhomben in der Lukas-Kirche sind so tief angelegt, daß der Gottesdienst­besucher sich unmittelbar einbezogen fühlen muß in die figür­liche Gestaltung. Das ist wesentlich und war eine wichtige Voraussetzung für die Komposition der Fenster, einzeln und im Zusammenhang miteinander. Kunst hat hier eine Funktion innerhalb der Architektur und als architektonisches Element für sich, gleichfalls aber kann sie ein Mittler sein zwischen dem Menschen und seinem Glauben. Waren noch im Mittelalter wegen des weitverbreiteten Analphabetismus die Fresken und Fenster in den Kirchen eine Art "Zeitung", ablesbar in der Folge der Bilder, so sind sie heute eher Interpretationen, Deutungen, gleichsam Predigten an sich. Die Entwicklung der christlichen Kunst
verlief über die großen Künstler des Mittelalters und der Re­naissance hin zu den unerträglich naturalistischen und süßlichen Gestaltungen der Heiligenund Engelsfiguren des späten 19. Jahr­hunderts. Danach nehmen sich einige der besten Maler dieses Mediums an, wie Chagall, Legér, Meistermann, Matisse. Das von uns in der Lukaskirche bevorzugte Material verbot von vornherein eine naturalistische Gestaltungsweise, liebliche Engel wichen einer kraftvollen Ausdrucksweise, die eine hohe Spannung erzeugt zwischen dem feingliedrigen Kirchenschiff und den gra­phischen Strukturen der Kompositionen, die die Leuchtkraft der so eingefangenen Farben außerordentlich zu steigern vermögen. Nicht verzärtelte Heiligenfiguren sondern in die vorgegebene Bildfläche eingespannte Linien, die Figuren umreißen aus dem Geschehen im Leben Jesu, die sich so nur im Evangelium des Lukas finden. "Von großer Bedeutung gerade in dieser schönen Kirche ist die Lichtführung. Verschiedene Farbzonen führen uns zum Altar. Vom irdischen Rot über Grün und Gelb zum " himmlischen " Blau und endlich zum " göttlichen " Licht. Vom noch mystischen Dunkel in die strahlende Helligkeit im Altarbereich.
Der Altarwand kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Das grie­chische Kreuz, in dem, in Überhöhung der figürlichen Seitenfenster in symbolhaft angedeuteter Gestaltung, die Kreuzigung sichtbar wird, bildet den Höhepunkt der Konzeption dieses Raumes. Hier findet sich eine besonders große Spannung, die Leben bedeutet, durch das Symbol des freiwilligen Opfers für die Menschen. Zudem läßt die riesige, freie Fläche der Altarwand dieses Farben- und Formen­ensemble zu einem kostbaren Edelstein werden, dessen funkelnde Farben Hoffnung bedeuten und Trost.
Die architektonische Anordnung der Fenster in dieser Kirche und ihre künstlerische Gestaltung sind ein besonders schönes Beispiel für christliche Kunst in unserer Zeit. Diese Aufgabe war eine Herausforderung für den Künstler.
Die Strenge der Linienführung in der figürlichen Gestaltung
der Fenster greift die Strukturen der Architektur auf. Sie
verwandelt und variiert sie in vielfältiger Weise, während die Farbe ein eigenes Leben zu führen scheint. Gerade sie aber ist das dynamische, vitale Element. Sie gibt diesem Bau voll Harmonie und Wärme eine besondere Note der Geborgenheit und zugleich einen Hauch lebendiger Unruhe. Dies ist ein Haus, in dem man sich " zuhause " fühlt.